Skandal um Buchlesung

Wie die katholische Kirche noch heute die Fäden zieht und letztendlich eine Lesung aus Maries Akte erfolgreich verhindert hat.

Neugersdorf ist eine kleine Stadt in der Oberlausitz bei Zittau, einen Fußmarsch von der tschechischen Grenze entfernt. Eigentlich eine ganz entzückende kleine Stadt, in der die Vergangenheit allgegenwärtig ist. Um die Jahrhundertwende blühte der Ort. In verwilderten Gärten ruhen herrschaftliche Villen mit vernagelten Fenstern, die zu verkaufen sind. Stumme Zeuge einer glanzvollen Ära.

Doch dass die Uhren hier in der Stadtverwaltung tatsächlich noch anders ticken, sollte ich erfahren, kurz nachdem mein Buch „Maries Akte – das Geheimnis einer Familie“ erschienen war. Das Buch erzählt das Schicksal zweier Frauen, die beide „verrückt“ waren, über die der Zeitgeist jedoch völlig unterschiedlich richtete.

Eine davon, Magdalena Kade aus Philippsdorf (heute Filipov), glaubte 1866 die Mutter Gottes zu sehen. Die Katholische Kirche hat diese Erscheinung anerkannt, und zwar obwohl ihr ärztliche Gutachten vorlagen, die bezeugten, dass Magdalena unter Halluzinationen litt. Anstelle der Erscheinung wurde sogar eine Kirche errichtet. Und noch heute ist Magdalena den Katholiken dort „heilig“. Alljährlich pilgern die Gläubigen in der Nacht zum 13. Januar nach Filipov (früher Philippsdorf), um diese „Erscheinung zu feiern“. „Maries Akte“ enthüllt, den Skandal um diese Marienerscheinung. Denn noch heute verbreitet die Katholische Kirche das Märchen,  Magdalena sei 1866 über Nacht von einer Krebserkrankung geheilt worden, nachdem ihr die Mutter Gottes erschienen sei. Die Katholische Kirche treibt auf diese Weise Schindluder mit der Hoffnung vieler Kranker, die alljährlich nach Filipov pilgern und dort auf Heilung hoffen. Denn es ist anhand ärztlicher Gutachten eindeutig belegt, dass Magdalena nicht an Krebs litt.

Das Buch enthüllt diesen Skandal anhand alter Akten (auch die der Katholischen Kirche), Dokumenten, Büchern und Zeitungsartikeln. Der Katholischen Kirche in Neugersdorf ist dieses Buch deshalb ein Dorn im Auge. Deshalb darf ich nicht in Neugersdorf – dem unmittelbaren Nachbarort von Filipov – lesen. Und zwar mit dem Segen der Stadtverwaltung.

Es begann mit einer Einladung. Frau Hieke, die die Stadtbibliothek in Neugersdorf betreut, rief mich an und lud mich ein, in Neugersdorf, Maries Geburtsort, zu lesen. Ich kam dieser Bitte gerne nach. Schließlich hatten mir viele Neugersdorfer bei der Recherche zu meinem Buch geholfen – auch Frau Hieke. Deshalb sollte auch das vereinbarte Honorar nur meine Fahrt- und Hotelkosten decken. Frau Hieke telefonierte auch mit meinem Verleger Dr. Weiss. Die Modalitäten wurde per email ausgetauscht. Die Sache schien perfekt: Als Termin für die Lesung in der Stadtbibliothek Neugersdorf wurde der 7. November 2008 vereinbart.

Wenige Tage nach diesem Telefonat rief mich Frau Hieke ein zweites Mal an. Sie war aufgelöst und sagte die geplante Lesung ab. Sie erzählte mir folgende Geschichte: Der Pfarrer Christoph Eichler von der Katholischen Kirche in Neugersdorf habe nach der Sonntagspredigt von der Kanzel herab gegen die Ankündigung meines Buches im „Heimatblatt“ gewettert. Darüber hinaus sein inzwischen eine weitere Beschwerde eines katholischen Pfarrers eingegangen. Vor diesem Hintergrund habe ihr die Bürgermeisterin Frau Hergenröder dazu geraten, die Lesung abzusagen. Das gleiche wiederholte Frau Hieke am Telefon meinem Verleger Dr. Weiss gegenüber.

Ich war zwar enttäuscht, sagte jedoch zu Frau Hieke: „Dann lassen wir es eben.“

Ich rief Pfarrer Eichler an. Freimütig gab der Pfarrer zu, nach der Sonntagspredigt gegen die Ankündigung meines Buches im Heimatblatt gewettert zu haben. Er erzählte mir sogar, dass er sich auch in der Lokalredaktion, die ebenfalls über mein Buch berichtet hatte, beschwert habe. Gelesen habe er mein Buch nicht. Er wolle das auch gar nicht, sagte Eichler.

Ich konnte kaum glauben, was ich da gehört hatte: Ein Pfarrer, der einer Stadtbibliothekarin und einer Journalisten vorschreiben will, wie sie über Bücher zu berichten haben. Und eine Bürgermeisterin, die offenbar nicht das Rückrat hat, sich dem Druck der Katholischen Kirche zu widersetzen. Dennoch verlor ich über die Angelegenheit auf Bitten von Frau Hieke kein Wort.

Aber es gab einfach zu viele Leute, die gehört hatten, wie Pfarrer Eichler gegen die Buchankündigung gewettert hatte. Und auch dass ich nicht in Neugersdorf lesen durfte, hatte sich herumgesprochen wie ein Lauffeuer. Der Buchmarkt griff das Thema auf, veröffentlichte eine Meldung, über die Lesung, die auf Druck der Katholischen Kirche abgesagt worden war.

Kurz darauf fuhr ich auf die Frankfurter Buchmesse. Ich gab auf der Messe ein Radio- und ein Fernsehinterview zu „Maries Akte“. Über die abgesagte Lesung verlor ich jedoch kein Wort. Das hatte ich mit Frau Hieke zuvor am Telefon vereinbart. Als ich jedoch von der Buchmesse zurückkehrte, fand ich zuhause ein Einschreiben von der Stadtverwaltung Neugersdorf vor, unterschrieben von Bürgermeisterin Verena Hergenröder und der Stadtbibliothekarin Frau Hieke. Meinem Verleger war ebenfalls ein Einschreiben gleichen Wortlauts zugegangen.

Ich stelle beide Schreiben hier ins Netz. Denn das Einschreiben stellt in meinen Augen den plumpen Versuch dar, eine Autorin mundtot machen zu wollen. Dennoch bin ich der Bürgermeisterin und der Stadtbibliothekarin heute fast dankbar für dieses Einschreiben. Schließlich haben die Damen Hergenröder und Hieke damit schriftlich eingeräumt, dass hinter der abgesagten Lesung die Katholische Kirche steckte:

Ihre Entscheidung sei „im Rahmen eines Abwägungsprozesses“ gefallen, schreibt die Bürgermeisterin und bestätigt, dass „Passagen der Buchankündigung der Bibliothekarin im Amtsblatt der Stadt Neugersdorf, dem Heimatblatt, Ausgabe September auf Ablehnung bei Herrn Pfarrer Eichler“ gestoßen sei. „Die Bürgermeisterin hat in einem persönlichen Gespräch die Empfehlung ausgesprochen, die geplante Lesung zum derzeitigen Zeitpunkt nicht durchzuführen“, heißt es weiter in dem Einschreiben. Und: „Die Bibliothekarin hat die Entscheidung getroffen, die Lesung abzusagen.“

Ich schickte  den Damen H+H ebenfalls ein Einschreiben, wandte mich zeitgleich an den Stadtrat von Neugersdorf und nun auch an meine Kollegen von der Presse. Die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ berichtete in ihrer Ausgabe vom 23. Dezember 2008 über die Affäre („Maria hilf! … Warum Kerstin Schneiders brillantes Sachbuch in der Heimat der Titelfigur unwillkommen ist“. Die Sächsische Zeitung widmete dem „Ärger um Magdalena“ einen fast ganzseitigen Bericht auf der Seite 3. Autor Thomas Schade schrieb: „Der ehemalige Leiter des Heimatmuseums … hält das Buch für ,ausgezeichnet recherchiert‘. Die schroffen Reaktionen überraschen ihn nicht. Er hat sie vor Jahren selbst erlebt, als er in einem Aufsatz ebenfalls Zweifel an Madalenas Marienerscheinung geäußert hatte.“

Viele Bürger und Bürgerinnen in und um Neugersdorf waren empört. Ein Neugersdorfer schrieb mir: „Ich möchte mich für meine Stadt bei Ihnen entschuldigen… Ich glaube Sie haben den Finger auch in die richtige ,Wunde‘ gelegt. In unserer Stadt wird Kommunalpolitik teilweise auf einen Niveau gemacht, die stark an das späte Mittelalter erinnert.“

Die Buchhändler Hedwig Schwarz und Jürgen Arlt luden mich ein, im Januar 2009 im benachbarten Eibau zu lesen. Natürlich sagte ich zu. Kaum war die Veranstaltung öffentlich angekündigt worden, bekamen die Buchhändler Drohanrufe, wie sie der Wochenzeitschrift <a href=“http://www.zeit.de/2009/01/KA-Mittelstueck-1″ target=“_blank“>“Die Zeit“</a> erzählten. Eine Anruferin keifte ins Telefon, dass ich mein „blaues Wunder“ erleben würde, wenn ich es wagte, in Eibau aus meinem Buch zu lesen. Nach diesem Anruf konnte ich es kaum erwarten, in die Oberlausitz zu fahren, um dort zu lesen. Ich erlebte tatsächlich mein „blaues Wunder“.  Obwohl der Schnee Zentimeter hoch lag, kamen 151 Menschen in die kleine Buchhandlung Schwarz, um mir zuzuhören.

Noch heute verbreitet die Stadtverwaltung, die Lesung sei aus „witterungstechnischen Gründen“ (im November) abgesagt worden und schimpft auf die „geschäftstüchtige Presse“, die die Tatsachen verdreht habe.

Deshalb stelle ich den Schriftwechsel zwischen mir und der Stadtverwaltung ins Internet. Damit jeder nachlesen kann, wie es war. Und welche Macht die Katholische Kirche noch heute in Neugersdorf hat. Und wie sie sie missbraucht.

Kerstin Schneider

Mein Antwortschreiben:

Frau Bürgermeisterin
Verena Hergenröder
Hauptstraße 39/41
02727 Neugersdorf

Abgesagte Lesung aus dem Buch „Maries Akte“ in der Stadtbibliothek Neugersdorf, Ihr Einschreiben vom 21. Oktober 2008

Sehr geehrte Frau Hergenröder, sehr geehrte Frau Hieke,
Bezug nehmend auf Ihr oben genanntes Schreiben verwahre ich mich gegen die Unterstellung, falsche Behauptungen aufgestellt oder verbreitet zu haben. Ich habe weder mit dem Buchmarkt vor dessen Veröffentlichung gesprochen, noch bin ich verantwortlich für etwaige Pressemitteilungen des weissbooks-Verlages.
Davon abgesehen, ist es leider eine Tatsache, dass ich – nachdem die Modalitäten für die Lesung am 7. November 2008 mit meinem Verleger Dr. Weiss bereits vereinbart worden waren – telefonisch wieder ausgeladen wurde. Einziger Grund dafür war – wie die Stadtbibliothekarin Frau Hieke meinem Verleger Dr. Weiss und mir gegenüber einräumte – die Sonntagspredigt des katholischen Pfarrers Eichler, der sich von der Kanzel herab über die Ankündigung meines Buches im Heimatblatt beschwert hatte. Darüber hinaus gab es nach Angaben von Frau Hieke noch eine weitere schriftliche Beschwerde eines Katholischen Pfarrers. Die Katholische Kirche hat es also – bewusst oder unbewusst – geschafft, die Lesung in Neugersdorf zu verhindern.
Die Katholische Kirche konnte nur Erfolg haben, weil Sie als Bürgermeisterin und Sie, Frau Hieke als Stadtbibliothekarin, den Konflikt mit der Katholischen Kirche scheuten, wie Sie in ihrem Einschreiben jetzt sogar bestätigen: „Die Bürgermeisterin hat in einem persönlichen Gespräch die Empfehlung ausgesprochen, die geplante Lesung zum derzeitigen Zeitpunkt nicht durchzuführen. Die Bibliothekarin hat die Entscheidung getroffen, die Lesung abzusagen.“ Das heißt nichts anderes, als dass Sie beide sich dem Druck von katholischer Seite gebeugt haben. Selbst ein versöhnlicher Brief meines Verlegers an Sie, Frau Hergenröder, blieb ohne Antwort.
Ich habe über diese Angelegenheit bislang geschwiegen. Nach Ihrem Einschreiben allerdings, das in meinen Augen den Versuch darstellt, eine Autorin einschüchtern zu wollen, sehe ich mich jetzt gezwungen, die Hintergründe meiner abgesagten Lesung öffentlich zu machen.
Mit freundlichen Grüßen